"Knochenarbeit" -

Gewöllanalyse als Methode der Säugetierkunde

Gewölle werden von verschiedenene Vogelarten hervorgebracht. Sie enthalten unverdauliche Nahrungsreste, die im Magen zu einem Ballen geformt, wieder hochgewürgt und ausgespien werden. Daher stammt die alte Bezeichnung "Speiballen". Gewölle sind überaus wertvolles Untersuchungsmaterial. Mit ihrer Hilfe können Freilandbiologen vor allem ökologische Fragestellungen aus zwei Problemkreisen bearbeiten:
  • Fragen der Nahrungsökologie der betreffenden Vogelart (welche Beutetiere werden in welchen Mengenverhältnissen gefressen?)
  • Faunistische Erfassung der als Beute genutzten Wirbeltierfauna (Kenntnis über die Verbreitung der Säugetierarten in einer bestimmten Region - Jagdrevier der Eule)
Für die Säugetierkunde sind insbesondere die Gewölle interessant, die von Eulen stammen.

Mit Hilfe eines guten Bestimmungsschlüssels, mit dem die häufig in Gewöllen enthaltenen Beutetierfragmente (zumeist Knochen des Schädels und größere Knochen der Gliedmaßen) auch schon mit einer 9-12fach Lupe sicher bestimmt werden können, sind (eine entsprechend große Stichprobe vorausgesetzt) sehr leicht Analysen über das lokale Vorkommen von Kleinsäugern möglich.

Untersuchungen an Schleiereulengewöllen (diese sind wegen des guten Erhaltungszustandes der Knochen und Schädelteile in den Gewöllen am besten geeignet) zeigen, dass zumeist Wühlmäuse, Spitzmäuse und Echtmäuse (90-100%) von Schleiereulen gejagt werden (siehe diese » Grafik).

Berücksichtigt werden muss allerdings, dass das aufgefundene Artenspektrum keine exakte 1:1-Abbildung im tatsächlichen Vorkommen bedeutet. Das Verhältnis zum tatsächlichen Artenspektrum und zur jeweiligen Populationsgröße wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst:
  • Art der Eule (viele Eulenarten spezialisieren sind im Laufe ihres Lebens - vielleicht auch durch Prägung im Jugendalter) auf bestimmte Beutetiere
  • Alter der Eule (in Gewöllen von Jungtieren sind oft weniger Knochenreste als in Gewöllen der Alttiere - wahrscheinlich wird wegen dem erhöhten Kalziumbedarf ein größerer Anteil der Knochen mitverdaut),
  • artspezifisches Verhalten der Beutetiere (Arten mit mehr oberirdischer Lebensweise werden leichter zur Beute),
  • bei Einzelfunden wird immer wieder zu Recht auch auf die Möglichkeit der Verfrachtung hingewiesen (Prädator kann zwischen Fang der Beute, deren Verzehr und der Speiballenabgabe einen Ortswechsel vollzogen haben),
  • Jahreszeit und Klima (während der Jungenaufzucht fressen Alttiere oft bestimmte Arten [zumeist Spitzmäuse] und lassen die nahrhafteren und wohlschmeckenderen Happen [Wühlmäuse und Echte Mäuse] ihren Jungtieren),
  • individuelle Vorliebe zu bestimmten Arten (Spezialisierung auf Vögel, Fledermäuse oder Amphibien sind bekannt - aber die Ausnahme).
Die generelle Brauchbarkeit dieser Methode wird jedoch durch derartige Überlegungen nicht in Frage gestellt.

Literaturliste zur Gewöllbestimmung,
Schwerpunkte Fledermäuse und Amphibien

BÖHME, G. (1977): Zur Bestimmung quartärer Anuren Europas an Hand von Skelettelementen. - Wiss. Z. Humboldt-Univ. Berlin, Math.-Nat. R., 26 (3): 283-300, Berlin.

Erfurt, J. (2003): Bestimmung von Säugetierschädeln in Fraßresten und Gewöllen. - Methoden feldökolog. Säugetierforsch. 2: 471 – 535.

GÖRNER, M. & HACKETHAL, H. (1988): Säugetiere Europas.- Stuttgart, München

SCHOBER, W. & GRIMMBERGER, E. (1998): Die Fledermäuse Europas. Kennen, bestimmen, schützen. - Kosmos, Stuttgart, 2. aktual. u. erweit. Ausgabe. ISBN 3440075974